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Überseefahrt und Werftwesen.

Bid Klamphauer.

Will man die Entwicklung Papenburgs zu einer Stadt mit Überseehandel und damit gleichzeitig Papenburg auch als bedeutenden Werftstandort begreifen, so ist es notwendig den Siebenjährigen Krieg und später den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg näher zu betrachten. Das Haus Bid Klamphauer mit seiner kleinen vorgelagerten Helling ist quasi ein Zeuge dieser Entwicklungsperiode.

Im Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 kämpften alle europäischen Großmächte jener Zeit. So standen sich Preußen und Großbritannien/ Kurhannover auf der einen Seite und Österreich- Ungarn, Frankreich, Rußland sowie das Heilige Römische Reich auf der anderen Seite einander gegenüber. War das Emsland auch nicht unmittelbar betroffen, so wurde doch die Ems für die Truppen beider Parteien zur Hauptversorgungsader für die Zufuhr von Proviant und Fourage. Dabei fuhren die Papenburger unter holländischer Flagge und mit holländischem Seepass. Da Holland nicht in den Krieg einbezogen war, galt es als neutral. Mit Aushändigung des Seepasses standen Schiff und Besatzung unter eben dieser Neutralität und damit unter dem Schutz des jeweiligen Landes. So wurden sie auch nicht von den kriegführenden Parteien aufgebracht.

Für die Kriegsfrachtfahrten auf der Ems kam vor allem die Tjalk zum Einsatz. Diese war im Gegensatz zur spitz zulaufenden Spitzmutte der Papenburger sowohl am Bug als auch am Heck rundbäuchig, von geringem Tiefgang und trug größere Lasten. Zudem konnte sie als relativ kentersicheres Schiff, beidseitig waren Seitenschwerter als Kielersatz angebracht, auch auf dem Wattenmeer gefahren werden. Damit war ein erster Schritt zu größeren, seetüchtigen Schiffen getan. Ein ergänzender Schiffstyp war die noch etwas größere Schute. Mit ihr befuhren die Schiffer auch die Küstenräume der Nord- und Ostsee. Zwangsläufig blühte in Papenburg das Werftwesen auf. Durch die Kriegsfahrten zu Geld gekommen, errichtete man an den Ufern der Kanäle längsseitig die ersten Werftanlagen. Eine Helling, ein leiterförmiges Gestell, auf welchem das zu bauende Schiff Kiel gelegt wurde, war schnell errichtet. Die bis dahin nur von der Torfgräberei lebenden Siedler sahen darin zudem eine willkommene Möglichkeit, sich Geld dazu zu verdienen. Mit der Zeit entstanden so bis zu 29 kleine und größere Werften.

Besonders der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg – 1775 bis 1783 – leistete dem Werftwesen einen gehörigen Auftrieb. Nachdem die Holländer in den zwischen den 13 amerikanischen Kolonien und der britischen Kolonialmacht und ab 1778 auch Frankreich geführten Krieg verwickelt wurden, konnten die Papenburger Seeleute den Nordseeküstenraum nicht mehr gefahrlos befahren. Sie liefen Gefahr, mit ihren Schiffen aufgebracht oder gar versenkt zu werden. Die Seefahrt und damit der Handel brachen regelrecht zusammen. Es herrschte Not und Hunger. In dieser Situation erinnerte sich der Fürstbischof von Münster seiner Papenburger und erlaubte es ihnen, unter der als neutral anerkannten Bistumsflagge des Bistums Münster – gelb, rot, blau – zu fahren. Gleichzeitig verlieh er ihnen den Münsterschen Seepass. Unter dieser neu gewonnenen Neutralität erblühte die Papenburger Hochseeschifffahrt wieder. Fuhr man zunächst im Auftrag der kriegführenden Parteien für diese entsprechende Frachten, so machten sich die Papenburger alsbald selbstständig und fuhren auf eigene Rechnung. In den Focus richteten sich nunmehr alle großen Häfen der bis dahin bekannten oder auch unbekannten Welt. Ab sofort wurden nicht mehr nur Muttschiffe, Tjalken und Schuten gebaut, sondern Schiffe wie Zwei- und Dreimastschoner, Brigg und Bark. Mit ihnen konnte man gehörige Tonnage bewegen und bis dahin noch nie gekannte Güter verschiffen. Die Welt stand den Papenburgern offen, nicht zuletzt auch aufgrund des seit 1771 vergrößerten und nunmehr aus Stein gebauten Drostensiels im Emsdeich. Neben den Werften entstanden auch Schiffsausrüstungsbetriebe wie Seilmachereien, Nagelschmieden, Segeltuchnähereien. Zudem erblühte der Warenhandel. Eine breite Kaufmannschaft machte sich sesshaft. Das galt besonders für den Stadtteil Untenende, dem älteren Ortsteil. Während man am fast 100 und mehr Jahre jüngeren Obenende teilweise noch in Moorkaten hauste und sich plagte, das dortige Moor urbar zu machen, um zu überleben, herrschte am Untenende schon in Teilen städtisches Leben.

Autor: Ludger Stukenborg, Sprecherin: Monika Stukenborg, Webauftritt: Herbert Rohrbach